Was ist ntropy?

Kennt ihr das Gefühl, das einen überkommt, wenn man bemerkt, dass es eigentlich alles schon mal gegeben hat? Was man auch unternimmt, ob politisch, musikalisch oder anderweitig künstlerisch, alles ist immer nur eine Anknüpfung, eine ständige Verlinkung tausender Informationen, denen allen gemeinsam ist, dass sie bereits längst gedacht, gesagt oder erfunden wurden. Und das Internet prägt mit der ständigen Möglichkeit zur ubiquitären Verfügbarkeit mehr als alles andere dieses Bewusstsein. Denn selbst jeder kleine Suchmaschinenauftrag wird für immer gespeichert und jeder Informationen stehen mindestens zehn weitere gegenüber, sodass man eigentlich nie sicher sein kann, ob nicht vielleicht beim nächsten Link doch schon wieder ein weiterer lauert.

Es deutet viel darauf hin, dass wir uns in einem Zustand befinden, der sich als kulturelle Entropie bezeichnen lässt. Dieser komplexe Begriff, der sich vereinfacht als Unordnung übersetzen lässt, stammt aus der Physik und ist damit vor allem streitbar, wie der Physiker und Vorzeigeprofessor Prof. Harald Lesch hier betont. Er könnte in nächster Zeit enorm an Bedeutung gewinnen, denn: Je höher die Entropie, desto höher ist der Informationsverlust. Und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen äußerst ungeordneten Zustand. Dieser ist keineswegs auf einen Informationsmangel zurückzuführen, sondern im Gegenteil: Auf eine Überinformation. Der größte Katalysator, der verantwortlich für die enorm wachsende Diversifizierung von Themen und Inhalten ist, stellt ohne Zweifel das Internet dar, welches einerseits sein großes demokratisches Potential in Bezug auf die weltweite Wissenspotenzierung bis heute in neuen Formaten wie Blogs etc. entfalten konnte, andererseits aber dazu führte, dass sich etablierte Printmedien mit neuen Internetmagazinen und Onlinezeitungen konfrontiert sahen, die ihrerseits jeweils eigene, individuelle Standpunkte und Sichtweisen vertraten und somit die Möglichkeiten des Einzelnen, sich über bestimmte Inhalte zu informieren, um eine vor Jahren noch undenkbare Zahl potenzierten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der englische Journalist Simon Reynolds formulierte Ende 2009 auch für die Popmusik der zurückliegenden Nullerjahre die Unmöglichkeit, einen Konsens über die besten Platten zu erreichen, wie es etwa zu Zeiten der Beatles noch möglich war. Die musikalische Entropie und, wie wir behaupten, auch andere gesellschaftliche Bereiche, ginge in diesem Zusammenhang hauptsächlich mit der Potenzierung von Quantität, aber auch, und das ist der entscheidende Aspekt, um nicht kulturpessimistisch verstanden zu werden, der Qualität einher.

Hier möchte ntropy ansetzen: Es soll ein geeignetes Forum entstehen, das sich gegen vorgeschriebene, wiedergekäute (Pop-) Kultur stellt und sich auf kritische Weise mit interessanter, bewusstseinserwerweiternder Musik sowie Filmen, Medien, Literatur, Politik und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt. Im musikalischen Bereich stellt vor allem die relative neue Musikrichtung, Dubstep, einen Schwerpunkt dar. Denn besonders im frühen Dubstep kulminiert die radikale Reduktion von “Informationen” in Form der radikal reduzierten Klangereignisse, die im Kontrast stehen zu den Millionen von Möglichkeiten, mit denen sich heute Musik gestalten lässt. Dubstep ist eine soundbasierte Art Opposition gegen die mit willkürlichen Sounds und oberflächlichen Bildern gesättigte Umwelt. Das innovative Moment besteht dabei aus dem Spannungsfeld der Gleichzeitigkeit von Geschwindigkeit und Langsamkeit.

Mit ntropy sollen die unendlich scheinenden Informationen über ausgewählte Themen in geordnete Bahnen geleitet werden, sodass man sich bewegen kann, ohne ununterbrochen durch die vielen potentiellen sowie verführerischen Umwege und Abzweigungen abgelenkt zu werden.  Dabei wird subjektiv Relevantes von Bedeutungslosem getrennt und versucht der Entropie, zumindest geringfügig, Paroli zu bieten. Subjektiv heißt natürlich nicht über seinen eigenen Porzellan-Tellerrand zu schauen, sondern genau diesen zu zerschlagen, um einen freien Blick auf die große Vielfalt unserer postmodernen Kultur zu bekommen. Da jedoch eine geringe Entropie, wie hier zu lesen ist, wesentlich unwahrscheinlicher ist als eine hohe, handelt es sich um ein anspruchsvolle Aufgabe/Unterfangen. Denn um Entropie zu verringern ist sehr viel Energie nötig, welche aber gerade mit euch, als potentielle Autoren oder Kommentatoren bewältigt werden kann.

Text: Phire

(ntropy.de wurde von den beiden Autoren Phire und automat gegründet)

16 Responses to “Was ist ntropy?”

  1. shaman sagt:

    vielleicht ist der begriff der flüssigen moderne- wenn es schon um entropie geht- angebrachter als der der postmoderne

  2. Phire sagt:

    Hallo shaman, was meinst du genau mit flüssiger Moderne?

  3. shaman sagt:

    flüssige moderne könnte ein gegenwärtig aufkommendes bewusstsein von der ambivalenz zwischen postmoderne und moderne beschreiben; die einsicht über die tatsache, dass die ordnung ihr gegengewicht nicht nur in der nichtordnung findet bzw. dass die ordnung überhaupt kein gegengewicht braucht, da sie mit der nichtordnung verschmelzen muss, um weiter zu existieren..ist das liberalismus? oder entropie? ich bin mir nicht sicher.

  4. automat sagt:

    flüssige moderne ist meines kenntnisstandes nach ein von Zygmunt Bauman geprägter alternativ-begriff zur postmoderne, der aber auch häufig synonym verwendet wird. was er damit meint ist hauptsächlich die:

    “privatization of ambivalence and increasing feelings of uncertainty. It is a kind of chaotic continuation of modernity, where one can shift from one social position to another, in a fluid manner. Nomadism becomes a general trait of the liquid modern man, as he flows through his own life like a tourist, changing places, jobs, spouses, values and sometimes even more (such as political or sexual orientation), (self-)excluded from the traditional networks of support”. (Wikipedia – Late modernity)

    Giddens Konzept vom reflexiven Menschen, Baumans liquid modernity, Becks Risikogesellschaft und Castells Network Society sprechen alle einen ähnlichen Tenor. Die neue Generation muss flexibel, vernetzt und selbstbestimmt handeln, um den neuen Anforderungen der globalen Welt zu entsprechen. Es ist also ein relativ gängiges soziologisches erklärungsschema zu den neuen anforderungen unseres turbokapitalismus.

    sowohl das konzept der postmoderne als auch das der “flüssigen moderne” können erhellend für das verständnis des begriffes entropie sein. Ich denke shaman (ich bin für deinen kommentar sehr dankbar und freue mich über deine verbesserungsvorschläge sehr – immer weiter so) versteht den begriff der “flüssigen moderne” eher intuitiv als das was flüssig eben neben flexibel so bedeutet: “flüssige moderne könnte ein gegenwärtig aufkommendes bewusstsein von der ambivalenz zwischen postmoderne und moderne beschreiben”.

    ich denke aber, dass der begriff der postmoderne noch eher geeignet ist um den zustand der enbtropie zu beschreiben denn:Je höher die Entropie, desto höher ist der Informationsverlust und je stärker die postmoderne desto mehr überschneidungen, referenzen, etc.

    die flüssige moderne im klassischen sinn beschreibt eher den zustand in dem sich die menschen innerhalb der postmoderne befinden.

  5. shaman sagt:

    dein letzter satz, automat, widerspricht dem, was ich meinte, nicht.
    und:
    wasser scheint zumindest weniger überschaubar zu sein als geröll, obwohl es meist recht durchsichtig ist. man kann die steine zählen, für das wasser brauchst du einen messbecher. mein aus einer dunklen ecke meines kopfes hervorgekramtes halbwissen von zygmunts begriffsverwendung war ein elementarer zulauf meines gedankens. Jedoch wollte ich versuchen, den Begriff als positive/aktive möglichkeit der analyse und behebung von problemen vorzuschlagen..im sinne von ntropy.de..aber VIELLEICHT auch von giddens und co..

  6. shaman sagt:

    ..wobei behebung von problemen, in diesem kontext…

  7. automat sagt:

    ja, man könnte die entropie schon auch als problem bezeichnen denke ich. und dein hinweis: “dass die ordnung überhaupt kein gegengewicht braucht, da sie mit der nichtordnung verschmelzen muss, um weiter zu existieren” ist anregend :-) . Erinnert mich, auch wenn es jetzt nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, an Foucaults studien zur Gouvernementalität in denen der von die angesprochene Liberalismus als subtiles machtinstrument, welches sich über viele jahrhunderte entwickelt hat, enttarnt wird, oder zumindest unter verdacht steht in form einer weichen regulierung krassere lenkungspotentiale entfaltet als eine autoritäre staatsführung.

    um den bogen zurück zur entropie zu spannen. der zustand der unordnung verschleiert die eigentliche, hinter den dingen stehende, ordnung. ohne die möglichkeit zu haben sich in einem demokratisch-emanzipatorischen sinne zu bilden und zu informieren wird die bevölkerung in einem entropischen zustand reguliert und klein gehalten. allerdings driften diese foucauischen thesen immer schnell in richtung verschwörungstheorie denn: wer steht schon hinter den dingen…

    die verbindung zwischen ordnung und unordung, jegliche existentielle dichotomie ist ein fakt des lebens und mit diesem bewusstsein zu leben erleichter vieles denke ich

  8. shaman sagt:

    genau. die erkenntnis, dass nicht alles geordnet, gesteuert und durch absolute hand gelenkt werden kann, ist ein verdienst der postmoderne, wie auch bauman ungefähr sagt..der regelungswahn der moderne führte seiner meinung nach ja zu so manchem übel des 20.jahrhunderts..

  9. Vogel sagt:

    Aber damit zu leben ist wohl DIE Herausforderung schlechthin, ne. Das ist ja gerade das Problem. Vielleicht kann ntropy.de dazu beitragen, manch einen Moment leichter für den Leser erscheinen oder sein zu lassen.

  10. automat sagt:

    Das wäre doch schon mal was!!!

  11. [...] vernetzt sich. Um die Entropie und den damit einhergenden Mangel an Infomationen einzudämmen, ist viel Energie nötig. Um dies besser bewältigen zu können, haben wir zwei neue [...]

  12. C sagt:

    Maximale Entropie kann im technischen Sinne auch als ‘White Noise’ bezeichnet werden. Mir entfällt gerade der Name des (japanischen?) Künstlers der sich mit maximaler Entropie bzw White Noise auseinander gesetzt hat. Die Idee war es mit einer während 2 Stunden geöffneten, auf einen Kinobildschirm gerichteten, Blende einer Photokamera eben dieses weisse Rauschen oder ‘Nicht-Information’ im Shannon’schen Sinne zu erzeugen.

    Vielen Dank für diesen grossartigen Blog, freue mich auf zukünftige Artikel und werde, wenn möglich, meinen Teil dazu beitragen.

    lg

  13. Anonymous sagt:

    die seite wirkt kühl und chaotisch, sogar etwas überheblich.

  14. automat sagt:

    Dankeschön!

  15. [...] Entropie kennt keine Grenzen. Um nicht die Orientierung zu verlieren, bringt ntropy.de euch relevante Kultur [...]

  16. Anonymous sagt:

    googlet mal sokal-affäre

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